ZOSTERNEURALGIE
Der Begriff Zosterneuralgie ist eine gängige Abkürzung für die pos tzosterische Neuralgie.
Wie häufig tritt die Zosterneuralgie auf und was begünstigt sie?
Die Inzidenz (= Anzahl neuer Erkrankungsfälle) an Zosterneuralgie beträgt 20-60 Prozent bei den über 60jährigen (Struppler 1988) und zehn Prozent aller Patienten mit Her pes zos ter entwickeln eine Zosterneuralgie (Loeser 1986). Begünstigend für das Auftreten einer Zosterneuralgie sind:
Warum wird der Her pes Zos ter auch als Gürtelrose bezeichnet?
Der Name Zos ter kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Gürtel" entsprechend der gürtelförmigen Hautausbreitung am Körperstamm. Der Her pes zos ter befällt überwiegend die Nervensegmente der unteren Brustwir belsäule, seltener aber auch den Gesichts- (Gesichtsrose) bzw. Kopfbereich (Kopfrose) (Herpes zoster ophthalmicus, Herpes zoster oticus).
Wodurch entsteht die Gür telrose bzw. der Her pes Zos ter?
He r pes zos ter ist eine neurodermale (= Nerven und Haut betreffende) Infektionskrankheit. Der Erreger ist der He r pes-Varizellen-Virus. Als Tröpfcheninfektion führt der Erstkontakt vorwiegend bei Kindern zu den bekannten Windpocken, an sich eine harmlose Kinderkrankheit. Leider hat das Virus die Eigenschaft, über Jahrzehnte in bestimmten Bereichen des Nervensystems zu überleben, ohne daß Krankheitszeichen vorhanden sind. Kommt es aber zu einer Schwächung des Immunsystems, so wird das Virus reaktiviert und erreicht über sensible Nervenbahnen die Haut und es entsteht der Her pes zos ter.
Wie äußert sich die Gür telrose bzw. der Her pes Zos ter?
Die Her pes zoster -Erkrankung beginnt mit brennenden, juckenden Schmerzen im Bereich der befallenen Nervensegmente und geht mit Sensibilitätsstörungen (= Störungen der Empfindung, des Fühlens) einher. Schon die Berüh rung der Haut im befallenen Bereich verursacht starke Schmerzen (eine sog. Allodynie). Einige Tage später bilden sich Hauterscheinungen wie rote Flecken, Pusteln und Papeln aus. Diese sog. Effloreszenzen heilen in der Regel nach 2 - 4 Wochen ab und normalerweise verschwinden dann auch die Schmerzen wieder.
Wann spricht man von einer Zosterneuralgie ?
Wenn der
Nervenschmerz die
Hauterscheinungen des Her pes zos ter überdauert, meistens nach 4-6
Wochen, dann ist die Krankheit in die Zosterneuralgie übergegangen.
Der Schmerzcharakter bei der Zosterneuralgie wird von den Patienten uneinheitlich beschrieben:
anhaltend tief drückend oder brennend, blitzartig einschießend, stechend und
brennend.
Fast regelmäßig besteht im Schmerzbereich eine Sensibilitätsstörung
(= Störung des körperlichen Empfindens), so in Form einer
Hyperpathie (=
Sensibilitätsstörung als Überempfindlichkeit gegenüber allen örtlichen Reizen)
oder auch Hyperalgesie
(=
herabgesetzte Schmerzschwelle) bis hin zu einer
Allodynie
(= schon die
Berüh
rung
der Haut im befallenen
Bereich führt zu
Schmerzen).
Die Behandlung der akuten Her pes zos ter-Erkrankung wird in www.guertelrose-schmerztherapie beschrieben.
Welche Möglichkeiten bietet die moderne Schmerztherapie bei der Zosterneuralgie?
Beim
Entstehungsmechanismus der Zosterneuralgie spielen sowohl zentrale (= im Rückenmark)
als auch periphere (= außerhalb des Rückenmarks) Nervenläsionen eine Rolle. Dementsprechend werden
verschiedene Therapiemaßnahmen, die zentral oder/und peripher angreifen,
unterschiedlich erfolgreich sein (Hefermann und Le ser 1992).
Die
Therapie der Zosterneuralgie ist äußerst schwierig und setzt große
Erfahrung voraus. Dabei ist häufig eine gezielte "Polypragmasie"
(= Durchführung mehrerer Maßnahmen gleichzeitig)
erforderlich. Die Patienten betreiben zum Teil einen
Schmerzmittelmissbrauch oder
sind gar bereits abhängig, so daß vorrangig eine Entzugsbehandlung erforderlich
ist. Infolge des chronischen Schmerzes entwickeln sich öfters psychische
Veränderungen, so daß auch
psychotherapeutische Interventionen notwendig werden.
Eine systemische medikamentöse Therapie der Zosterneuralgie mit
Analgetika (= Schmerzmittel) nach dem WHO
(= Weltgesundheitsorganisation)
-Stufenschema sollte zumindest ab Stufe 3 (z.B. Gabe von Morphin) erst dann
eingesetzt werden, wenn die Therapie mit Psychopharmaka, Antiepileptika
(= Mittel gegen das Anfallsleiden, auch bei
bestimmten Schmerzen wirksam) und
nichtmedikamentösen Verfahren, sowie perkutaner
(= durch die Haut hindurch)
Medikamentenanwendung ausgeschöpft wurde. Schmerzlindernde
Antidepressiva (z.B. Doxepin,
Maprotilin) (= Mittel gegen Depression),
evtl. auch in Kombination mit
Neuroleptika
(z.B. Levomepromazin)
(= Mittel zur psychischen Behandlung, aber auch gegen Schmerzen wirksam),
verschaffen Patienten mit Zosterneuralgie häufig
Linderung. Wir bevorzugen Amitriptylin in einer Tagesdosis von bis zu 75 mg, da
es in Kombination mit Analgetika, Antiepileptika und oder Neuroleptika stärker
wirksam ist.
Gegen die Zosterneuralgie wirken am besten
sog. Antiepileptika (= eigentlich Mittel gegen die Fallsucht,
aber auch bei Zosterneuralgie hilfreich). Als erste
Wahl gelten heute Gabapentin (Neurontin®) oder Pregabalin (Lyrica®), als 2. Wahl Carbamazepin (z.B.
Tegretal®).
Zur Wirkstoffeinsparung und damit Reduzierung der
Nebenwirkungen kann Carbamazepin bzw. Gabapentin oder Pregabalin mit Baclofen
(= ein Mittel zur Muskelentspannung) kombiniert
werden. Manchmal ist auch die Verordnung von Keltican®
(= ein Mittel, das z.T. Nervenschäden reparieren kann)
hilfreich.
Zur perkutanen (= durch
die Haut hindurch) medikamentösen Therapie
der Zosterneuralgie eignet sich Acetylsalicylsäure
(= bekannt als Aspirin®) z.B. in Ether gelöst,
wobei allerdings durch ASS eine Ablösung der Hornschicht der Haut und bei Lösung
in Chloroform dessen Leber- und Nierengiftigkeit zu beachten ist (Zenz
1994).
Capsaicin, Inhaltsstoff des spanischen Pfeffers, als Creme (0,025-0,075%)
verabreicht, kann ebenfalls schmerzlindernd wirken. Allerdings tolerieren einige
Patienten nicht die mit der Anwendung verbundenen Hautreizungen und
vorübergehende Schmerzverstärkung.
Auch eine Iontophorese
(= Verabreichung von Wirkstoffen durch die Haut mit Hilfe von Gleichstrom)
mit Vincristin, ist zur Behandlung der Zosterneuralgie geeignet, wenn die
Zos ter-Erkrankung nicht länger als 6 Monate zurückliegt (Layman
1986).
In der medizinischen Literatur wird die Ansicht vertreten, daß die Erfolgsrate der therapeutischen
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel)
bei der
Zosterneuralgie abhängig von dem Zeitpunkt des Beginnes der
Schmerztherapie nach Ausbruch der Zos ter-Erkrankung sei. Nach sechs Wochen (Hempel
1993) beziehungsweise 3 Monate (Zenz 1994) sei die Zosterneuralgie in den meisten Fällen durch Nervenblockaden
(= Ner venbetäubungen)
nicht mehr günstig zu beeinflussen. Auch Loeser (1986) räumt der
therapeutischen Lokalanästhesie bei Patienten mit älterer Zosterneuralgie kaum noch Nutzen ein.
Dem widersprechen aber die
Erfahrungen anderer Autoren. Auch Hefermann und Leser (1992) berichten über gute Erfolge mit
Ner venblockaden, sofern diese konsequent durchgeführt werden. Folgendes
Vorgehen hat sich bewährt: Nach einer positiven, schmerzlindernden Testblockade
wird eine Serie von Ner venblockaden mit einem lang wirksamen örtlichen Betäubungsmittel (z.B.
Bupivacain in einer Konzentration von 0,25%)
durchgeführt, wobei anzustreben ist, die Folgeblockade immer dann anzusetzen,
wenn die vorhergegangene eben abgeklungen ist. Dazu bieten sich kontinuierliche
Verfahren mittels Kathetertechnik (=
Einpflanzung eines dünnen Kunststoffschlauch dicht an den betroffenen Nerv)
an.
Viele Autoren betonen bei der Zosterneuralgie die Effektivität von Blockaden des Sympathikus (= sog. autonomes, selbständiges Nervensystem) (z.B. Auberger 1990, Hempel 1993).
Topische (= eine örtliche, oberflächlich wirkende) Lokalanästhesie der betroffenen Hautareale, zum Beispiel mit Lidocain-Spray oder Lidocain-Prilocain Creme (EMLA®), wird bei Zosterneuralgie von verschiedenen Autoren eingesetzt (Milligan 1989). Bei abnehmender Wirkung im Behandlungsverlauf ist an eine Tachyphylaxie (= Wirkungsabschwächung bei wiederholter Anwendung) zu denken. Zudem können bei lokaler Anwendung zusammen mit Ner venblockaden toxische (= giftige) Lokalanästhetikakonzentrationen erreicht werden.
Weitere Therapiemaßnahmen bei einer Zosterneuralgie:
Hier gelangen Sie zu weiteren Zos ter-Dateien: Zoster Nervus oticus, Zoster Nervus ophthalmicus, Zoster im Gesicht, Zoster am Kopf.
k 17.12.05